Die aktuelle Diskussion um die Äußerungen von Verena Bahlsen, Erbin des Keksunternehmens, zeigt tiefe Abgründe auf im Umgang deutscher Unternehmen – aber auch der Öffentlichkeit – mit ihrer Vergangenheit und mit der Verschleppung und Ausbeutung von Zwangsarbeitern. Alles begann damit, dass Verena Bahlsen vor einigen Wochen in einem Interview Gelegenheit und eine Plattform bekam, sich über ihre Identität als “Kapitalistin” zu äußern. Ausgelöst wurde das Ganze absurderweise von der vom Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert geäußerten Kapitalismuskritik. Verena Bahlsen feierte sich also munter als Kapitalistin und behauptete auf eine kritische Nachfrage hin, ihr Familienunternehmen habe Zwangsarbeiter genauso bezahlt wie andere Arbeiter und habe sie “immer gut behandelt.”

Wow. Dazu ist nun schon wieder viel geschrieben worden, wir möchten hier einfach noch einmal kurz zusammenfassen und einige Ressourcen zum Thema bereitstellen.

Erstmal das ursprüngliche Interview, das die oben bereits zitierte Aussage enthält und in dem Bahlsen zudem behauptet, ihr Unternehmen “habe sich nichts zuschulden kommen lassen.”

Der Artikel trägt die skandalöse Überschrift “Zwangsarbeiter-Zoff um Keks-Erbin”. Diese Wortschöpfung allein ist einfach schon kaum zu ertragen.

Zudem weicht auch die offizielle Geschichtsschreibung des Bahlsen-Unternehmens kaum von der Version Verena Bahlsens ab, das Problem ist also offensichtlich strukturell. Bahlsen hat sich nichts zuschulden kommen lassen und 1945 einfach wieder von null angefangen. Äh, ja. Ok.

Die Reaktionen auf Twitter und in der Presse waren vielfältig und haben das Problem schon umfassend aufgegriffen. Die Geschichte der Verschleppung und Ausbeutung von Zwangsarbeiter*innen aus ganz Europa, Russland, der Ukraine, Weißrussland sowie auch innerhalb Deutschlands war lange ein gern vermiedenes Thema.

Nach Kriegsende redete sich die deutsche Regierung aus Reparationen, und damit auch aus Entschädigungszahlungen an ehemalige Zwangsarbeiter*innen heraus, indem sie mit dem Kalten Krieg argumentierte. Da ja Deutschland und auch Europa offiziell geteilt seien, könne man die Mehrheit der Betroffenen ohnehin nicht erreichen und daher müsse das Thema bis zum Abschluss eines offiziellen Friedensvertrages aufgeschoben werden. Dies wurde im Londoner Schuldenabkommen von 1953 offiziell besiegelt.

Statt also zur Rechenschaft gezogen zu werden, konnten deutsche Unternehmen sich in aller Ruhe nach Kriegsende neu aufstellen, ggf. ihren Namen ändern und so weitermachen wie vorher. Dass unzählige Menschen unter schlimmsten Bedingungen und Freiheitsentzug gelitten und für diese Unternehmen geschuftet hatten, ging im Mythos der “Stunde Null” dann weitgehend unter. Vergangenheit ist Vergangenheit, eine neue Seite wird aufgeschlagen – damit wurde das Vergessen dieser Verbrechen begründet.

Erst 1990 wurde dann der Zwei-plus-Vier-Vertrag “statt eines Friedensvertrages” abgeschlossen und damit der Weg für Entschädigungszahlungen geebnet. Wobei geebnet ein großes Wort ist – damals gebärdeten sich deutsche Unternehmen dann quasi als Opfer, da sie so eine lange Zeit nach Kriegsende noch mit Entschädigungsforderungen konfrontiert wurden.

Süddeutsche Zeitung

Es dauerte dann auch bis zum Jahr 2000, dass deutsche Unternehmen und die Regierung in einen Entschädigungsfonds einzahlten, der später in der “Stiftung Erinnerung – Verantwortung – Zukunft” aufging. Auf Grundlage eines Entschädigungsgesetzes konnten Betroffene Anträge auf Entschädigung stellen, mit der Auszahlung wurde 2001 begonnen, 2007 wurden alle Zahlungen eingestellt. Obwohl die Gesamtzahl von über 5 Milliarden ausgezahlten Euro imposant klingt, muss man sich Folgendes vor Augen halten. Von über 2 Mio. eingegangenen Anträgen auf Entschädigung wurde nur etwas mehr als die Hälfte bewilligt (in Kriegsgefangenschaft erlittene Misshandlungen z.B. waren kein Entschädigungsgrund). Betroffene wurden in Kategorien eingeteilt – Kategorie A z.B. umfasste diejenigen, die in Lagern inhaftiert waren und als Zwangsarbeiter ausgebeutet wurden. Kategorien B und C beschrieben diejenigen, die außerhalb von Lagern untergebracht und zu Arbeit in deutschen Unternehmen, auf Bauernhöfen oder auch in Haushalten gezwungen wurden. Betroffene der Kategorie A konnten 15.000 DM (ca. 7.500 EUR) Entschädigung erhalten, diejenigen der Kategorien B und C nur etwa 2.500 EUR. Dies waren einmalige Zahlungen. Als Entschädigung für alles erlittene Unrecht…dazu fallen kaum Worte ein. Wer dachte jemals, dass diese Summen das Erlittene aufwiegen könnten?

Schließlich gibt es viele Sammlungen und Dokumentationen, Zeitzeugenberichte und Weiteres im Internet, die einen Einblick in die Schicksale ehemaliger Zwangsarbeiter*innen vermitteln. Wir empfehlen sehr diese Zeitzeugeninterviews im Archiv Zwangsarbeit.

Es gibt außerdem eine Wanderausstellung, die nun permanent in Weimar zu sehen ist.

Wie weit verbreitet die Praxis der Zwangsarbeit in Deutschland war, vermittelt unsere Übersichtskarte, die auf den ersten veröffentlichten Listen deutscher Unternehmen basiert, die Zwangsarbeiter*innen ausgebeutet haben. Die Listen wurden vom American Jewish Committee um das Jahr 2000 herum erstellt. Sie bilden allerdings nur einen sehr kleinen Auszug aus den tausenden Unternehmen und Betrieben, die während der NS-Zeit vom System der Zwangsarbeit profitiert haben.

Auf der Seite der Stiftung Erinnerung – Verantwortung – Zukunft sind über 4000 weitere Unternehmen aufgeführt, die in den Fonds eingezahlt haben – die also am System der Zwangsarbeit beteiligt waren.

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